Warum macht ihr eigentlich kein IP?

Der Titel dieses Textes ist provokativ, kommt den meisten aber dennoch sehr bekannt vor.
Auf der IBC 2015 in Amsterdam erwartete man zunehmend von allen Herstellern, dass sie eine Lösung auf Basis von IP vorführen und passende Versprechen für die Zukunft abgeben. Leichte Tendenzen welche Standards es werden könnten, waren zwar bereits erkennbar, aber dennoch reine Spekulation. Das Team um David Ross und seinen Familienbetrieb aus Kanada ist zu dieser Zeit bereits stark im Fokus der europäischen Märkte und sorgte daher für Verwunderung, dass man statt auf All-IP weiterhin auf die altbewährten grünen Kabel setzen wird.

Drei Jahre später und wir sind wieder in Amsterdam. Das Bild mittlerweile ein ganz anderes. Man redet von SMPTE 2110 oder 2022-6, aber stellt nicht mehr die Frage nach All-IP sondern vielmehr nach der Sinnhaftigkeit. Dutzende Hersteller haben sich zwischenzeitlich der AIMS angeschlossen und ebenso viele Geräte wie Hersteller zeigen in einem kleinen Seminarraum die Machbarkeit eines Workflows.
Wir schaffen es also mittlerweile endlich ein Signal von A nach B zu transportieren! Und das nicht nur auf der IBC: Erste Ü-Wagen und Studios melden All-IP Erfolge. Schaut man jedoch genauer hin, so findet man im Hintergrund doch noch viele Gateways und interne Basebandprocessings. Und das ist auch okay so. SDI – Das kennen wir und das verstehen wir. Ich brauche kein IP, um ein Signal von A nach B zu bekommen. IP brauche ich dann, wenn ich Ressourcen sinnvoll teilen will. Ein mögliches Szenario wäre, dass ich mich mit meiner Kamera im Hamburger Volksparkstadion am Switch aufstecke und sich nicht nur die Sendeabwicklung des Norddeutschen Rundfunks darüber freut, sondern auch Standorte rund um den Globus.
Nun, jeder der bereits in der Außenübertragung gearbeitet hat oder im Fußballstadion mal genauer hinschaut, der wird sie erkennen. Fleißige Bildtechniker laufen bewaffnet mit Funkgerät, Multifunktionstool und Isolierband umher, suchen nach Fehlern in der Produktionskette und reparieren am Ende vielleicht eine Kamera oder ein Kabel, welche unter dem rauen Alltag dieser Branche gelitten haben. Am Ende geht alles gut und die Dienstleister sorgen für exzellente Unterhaltung vor Ort und Zuhause. Doch stellen Sie sich nun kurz den Techniker vor, der den kurzen Weg von Kamera bis Netzwerkswitch akribisch absucht und am Ende doch achselzuckend und ratlos neben der Kamera steht, die dieses Mal schwarz bleiben wird.

IP – Das macht an vielen Stellen Sinn, doch wir sind noch nicht dort angekommen, dass wir es überall einsetzen müssen und wollen. Einig werden sich jedoch die meisten darüber sein, dass es kommen wird. Gut also, wenn man jetzt in Technik investiert die funktioniert und zukunftssicher ist. Mit anderen Worten: Technik die heute SDI kann und morgen auch IP.
Schauen wir noch einmal zurück zur kürzlich vergangenen IBC. Der Hersteller ROSS Video verfolgt scheinbar einen ähnlichen Denkansatz. Die multifunktionale Processingplattform ULTRIX sorgte bereits vor einigen Jahren für Furore. Ein Gerät, welches zwischen ein und fünf Höheneinheiten hoch ist und dennoch die Merkmale einer Video- und Audiokreuzschiene abbildet und dazu noch Multiviewer, Framesynchronizer, Cleanswitch und UHD liefert. Natürlich Baseband. Und ab 2019 auch mit IP-Boards. Eine Hybridlösung also, die nicht nur in neuen, sondern auch bestehenden Produktionsumgebungen durchaus Sinn macht.

Außerdem finden sich im Portfolio mittlerweile mehrere Wandler, die ebenso wie die ULTRIX, zwischen IP und Baseband wandeln. RAPTOR und NEWT sind zum Beispiel solche Produkte, die die beiden Welten sinnvoll miteinander verknüpfen sollen.
Es ist immer schwer vorauszusagen, wo die Technik in einigen Jahren stehen wird. Dennoch versucht man beim Erarbeiten von Lösungen, immer auch an morgen zu denken. Heute scheint es also so, als wäre man am besten beraten, wenn man weiterhin auf SDI setzt. Das funktioniert und altes Equipment kann weiterhin verwendet werden. Möchte man entspannt in die Zukunft blicken, setzt man am besten auf Produkte, welche IP nicht ablehnen, sondern zukünftig ebenso verarbeiten können, wie auch SDI.

Ein Kommentar von Christopher Nietzel, Sales Manager Broadcast & Professional Video bei MCI